Erfolgreicher Nischenanbieter - Fahrzeugbau Heuser

BildGegen Ende des Jahres 2008 traf eine Absatzkrise in bis dahin nicht bekannten Dimensionen auch die Nutzfahrzeugindustrie, von der sich die Branche bisher noch nicht erholt hat. Neben den LKW-Herstellern waren auch die Produzenten von Anhängern, Aufliegern und Aufbauten für Lastkraftwagen betroffen. Besonders die großen Anbieter mussten erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Auf den Lagerplätzen standen plötzlich hunderte oder gar tausende von unverkauften Fahrzeugen, die aus stornierten Aufträgen stammten oder einfach in der Euphorie der vorangegangenen Hochphase produziert worden waren. An dieser Stelle rächte sich das Streben nach unbegrenztem Wachstum der selbsternannten Marktführer und Branchengrößen. Firmen, die in den fetten Jahren bevorzugt Flottenbetreiber wie Vermiet- oder Leasinggesellschaften bzw. große Speditionen bedient hatten oder nur noch Standardfahrzeuge fertigten, die der Kunde dann im Extremfall noch im Werk in Polen abholen musste, gerieten plötzlich in Schieflage oder mussten aufgeben. Bei vielen Herstellern waren die individuellen Wünsche von Kunden, die nur ein Fahrzeug kaufen wollten, das dazu noch nicht in die Serie passte, oft nicht erfüllt worden.
BildDieser Umstand war und ist für viele mittelständische und kleinere, oft nur regional tätige Fahrzeugbaubetriebe ein klarer Vorteil. Ein typischer Vertreter dieser Kategorie ist die Firma Heinrich Heuser GmbH & Co. KG Fahrzeugbau aus Bad Lippspringe bei Paderborn. Dort werden heute in der Hauptsache Kippfahrzeuge gebaut. Durch individuelle Lösungen verbunden mit einem hohen Qualitätsstandard haben die bei Heuser Verantwortlichen die Krise nicht so hart zu spüren bekommen wie die großen Mitanbieter. Der Schlüssel zum Erfolg ist für Heuser neben dem eigentlichen Fahrzeugbau aber auch die Einstellung zum Kundendienst. In Bad Lippspringe wird dem Kunden noch gedient. Das kann bedeuten, dass ein in der Woche verunfallter Kipper am Samstag gerichtet und wieder einsatzbereit gemacht wird, damit der Kunde am Montag mit dem Fahrzeug wieder Geld verdienen kann. Dieses Gedankengut, das vielen jungen, dynamischen Führungskräften oft fremd ist, war zur Zeit der Firmengründung im Jahr 1880 selbstverständlich.
BildDamals gründete Heinrich Marquart in Dortmund einen Schmiedebetrieb. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kamen zu den üblichen Tätigkeiten eines Schmieds vermehrt Arbeiten an Fahrzeugen hinzu. Die Werkstatt entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem Karosserie- und Fahrzeugbaubetrieb. Um den Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs zu entgehen, wurde der Betrieb evakuiert und in das rund 120 Kilometer entfernte Bad Lippspringe verlegt. Trotz des Umzugs hielten einige der damaligen Mitarbeiter dem Unternehmen die Treue. Zu ihnen gehörten der Schmiedemeister Heinrich Heuser und der kaufmännische Angestellte G. Nass. Nach dem Tod Heinrich Marquarts übernahmen die beiden den Betrieb und firmierten als Nass & Heuser Tieflade-Anhängerbau. Über das Fertigungsprogamm vor dem Weltkrieg ist nicht viel überliefert. Tiefladefahrzeuge für Spezialtransporte gehörten aber wohl schon zu den Liefermöglichkeiten. Tieflader waren auch der Schwerpunkt der ersten Jahre nach dem Krieg. So wurden für die amerikanischen Streitkräfte vierachsige, monströse Tiefbett-Tieflader konstruiert und gebaut, die zum Transport von Panzern eingesetzt wurden. In der Zeit des Wiederaufbaus und des beginnenden Wirtschaftswunders setzte eine rege Bautätigkeit ein. Bald schon standen neue, größere und schwerere Baumaschinen wie z. B. Seilzugbagger mit Kettenlaufwerken zur Verfügung. Diese Geräte mussten zwischen den Baustellen verfahren werden.
BildEine Überführung auf der Straße über Asphalt oder Kopfsteinpflaster verursachte dort Schäden. Um ein Umsetzen schnell und sicher durchführen zu können, wurden für diese Aufgabe geeignete Tiefladeanhänger entwickelt. Dank der Erfahrung in diesem Segment war die Firma Nass & Heuser bald gut im Geschäft. Anfänglich wurden die Baumaschinen von der Seite auf die Tiefladeanhänger gefahren. Das war gefährlich und oft fehlte der Platz seitlich des zu beladenen Fahrzeugs für solche Manöver. Heinrich Heuser entwickelte einen kleinen Tieflader für Baumaschinen, der von hinten beladen werden konnte. Dazu musste die eigentliche Plattform  des Anhängers mit Hilfe von zwei Stockwinden leicht angehoben werden. Die hinteren Pendelachsen, die über Bolzen gesichert waren, wurden daraufhin nach hinten herausgezogen. Nach dem Anlegen von zwei Auffahrrampen konnte die Baumaschine nun sicher und schnell verladen werden. Die Pendelachsen wurden übrigens im eigenen Betrieb hergestellt. Die Konstruktion bewährte sich so gut, dass eine Zusammenarbeit mit der Essener Firma Dolberg-Glaser & Pflaum GmbH entstand, die erfolgreich Seilzugbagger herstellte. 1960 übernahm Krupp die GmbH und verkaufte das Programm unter dem Namen Krupp-Dolberg weiter. Nass & Heuser bauten zum Seilzugbagger passende Tiefladeanhänger, die regelmäßig im Bahnhof von Bad Lippspringe auf Flachwagen der Deutschen Bundesbahn verladen wurden zum Transport nach Essen. Lange Zeit wurde jede Woche ein Anhänger geliefert.
BildHeinrich Heuser verstarb 1952 und sein Sohn, der ebenfalls auf den Namen Heinrich hörte, übernahm die Leitung des Unternehmens. In den frühen 1950er Jahren schied G. Nass aus der Firma aus und Heuser wurde alleiniger Inhaber. Die neue Firmierung lautete nun Heinrich Heuser KG Fahrzeugbau. Das Lieferprogramm umfasste neben den erwähnten zweiachsigen Tiefladeanhängern mit Drehschemel auch einachsige überfahrbare Plateauanhänger für kleinere Maschinen, außerdem Anhänger für Langmaterial, Bauwagen sowie Pritschen- und Kippfahrzeuge. Waren lange Zeit Tiefladefahrzeuge der Schwerpunkt der Produktpalette, so änderte sich dies gegen Ende der 1950er Jahre. Es wurden seitdem vermehrt Kippfahrzeuge gebaut, wie z. B. erste Luftkippanhänger mit Zwillingsbereifung und Holzbordwänden. Die Fertigung wurde ausgedehnt und neue Mitarbeiter eingestellt. Die vorhandenen Räumlichkeiten reichten nicht mehr aus. Um den gestiegenen Anforderungen zu genügen, wurde eine neue Produktionsstätte errichtet, die 1960 bezogen werden konnte. Die Mitarbeiterzahl war inzwischen von 10 auf 40 gestiegen. In dieser Phase des Wachstums verstarb Heinrich Heuser plötzlich und unerwartet im Jahr 1962. Seiner Frau Elisabeth blieb nichts anderes übrig, als gemeinsam mit dem Prokuristen Joachim Jarosch und den Werkstattmeistern Karl Bollhöfer und Paul Vogel das Unternehmen weiter zu führen. Dank der guten Zusammenarbeit aller Beteiligten gelang das hervorragend. In der nun folgenden Zeit begründete das Unternehmen seinen ausgezeichneten Ruf als innovativer Nutzfahrzeugbauer. Gebaut wurden mittlerweile neben zwei- und dreiachsigen Luftkippanhängern auch solche mit motorhydraulischem Antrieb. Daneben verließen viele Sattelauflieger mit Kippaufbauten die Hallen in Bad Lippspringe. Waren die Auflieger zunächst mit zwillingsbereiften Achsen versehene zweiachsige Dreiseitenkipper, so waren es später hauptsächlich dreiachsige Hinterkippauflieger. Natürlich konnten auch Kippaufbauten auf LKW geordert werden.
BildMit dem Aufkommen hydraulischer Ladehilfen wie z. B. Ladekranen hielten auch diese Aggregate Einzug in das Programm der Firma Heuser. Zu den Spezialitäten gehörten lange Jahre Aufbauten, Anhänger und Auflieger für den Stein- bzw. Baustofftransport. So genannte Steintransporter wurden oft als Sattelauflieger geliefert. Hydraulischer Ladekran mit Steingreifzange sowie motorhydraulische Bordwand-Hebe- und Senkvorrichtung gehörten zur Standardausrüstung solcher Spezialfahrzeuge. Auf Wunsch gab es solche Sattelauflieger auch mit zwei Kippkästen, um das Fahrzeug universell einsetzen zu können. Auf der Hinfahrt konnten Steinpakete ausgeliefert und auf der Rücktour Sand oder andere Schüttgüter transportiert werden. Neben diesen Spezialfahrzeugen lieferte Heuser auch weiterhin ganz gewöhnliche Pritschenanhänger und -auflieger sowie Tieflader, aber auch Kofferfahrzeuge. Anfang der 1970er Jahre stiegen die Anforderungen der Kunden in Bezug auf die Nutzlast der Fahrzeuge. Auch das Eigengewicht der Heuser Fahrzeuge musste reduziert werden. Leichtbauwerkstoffe wie Aluminium hielten Einzug in den Fahrzeugbau. In dieser Zeit entstand ein Standardfahrzeug, dessen ständig optimierte Weiterentwicklung auch heute noch ein Hauptstandbein des Unternehmens ist. Dabei handelt es sich um den dreiachsigen Hinterkippauflieger mit Stahlfahrgestell und Aluminiummulde. Um die Fahrzeuggewichte weiter zu reduzieren bzw. die Nutzlasten zu erhöhen, werden heute Feinkorn-Baustähle eingesetzt.
Bild1979 übernahm der jetzige Inhaber, der Diplom-Ingenieur Thomas Heuser von seiner Mutter die Geschäftsführung des Unternehmens. Er sorgte dafür, dass der Betrieb weiter modernisiert wurde. Die Konstruktion der Heuser–Fahrzeuge erfolgte fortan nicht mehr am Zeichenbrett sondern durch ein modernes CAD-System. Um ständig über einen guten Mitarbeiterstamm verfügen zu können und qualifiziertes Fachpersonal zu erhalten, bildet Heuser seitdem regelmäßig aus. Damit kann der hohe Qualitätsstandard gehalten werden. Durch individuelle Lösungen im Fahrzeugbau verbunden mit einem hohen Qualitätsstandard sowie mit besonderem Augenmerk auf den Dienst am Kunden hat die Firma Heuser sicherlich gute Perspektiven für die Zukunft.

Fotos: Archiv Heuser
Text: Manfred Koch